Welt am Sonntag | 19. November 2000 |Saskia Tants | Foto: Klar

"Frauen sind die besseren Bosse"


Als Unternehmerin hat Hourvash Pourkian aus Hamburg selbst erfahren, was Chefin und Chef unterscheidet. Sie schrieb ein Buch darüber – und findet damit weltweit Anerkennung.

Nackt sitzt ein Mann auf einem Schreibtisch. Um ehrlich zu sein: ein paar weiße Boxershorts hat er gerade noch übergestreift. Sein Kopf ist zum Boden geneigt, ganz so, als denke er in Demut nach. Muskulös und durchtrainiert ist der Kerl. Allerdings nur zweidimensional. Sein Foto hängt in einem Foyer. Es empfängt die Besucher einer erfolgreichen Hamburger Unternehmerin und Autorin. Einer Feministin, um genau zu sein. Nun bekommen Sie nicht gleich einen Schreck, nur weil Hourvash Pourkian eine Feministin ist. Die 42jährige wettert nicht gegen Männer, hält nichts vom Geschlechterkampf und läuft auch nicht in lilafarbenen Latzhosen herum. Sie raucht zwar Zigarre – "Das ist männlich, nicht wahr?" Sie trägt aber genauso gern einen Minirock, sexy geschlitzt, dazu hochhackige Schuhe und Blazer. Das Foto im Foyer kommentiert Hourvash Pourkian schlicht so: "Frauen brauchen sich nicht zu schämen, wenn sie Männerkörper schön finden."Damit ist sie bei ihrem Thema: der Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern. Und der Macht zwischen Nicht-Gleichberechtigten.

"Macht macht müde Frauen munter – der Machtanspruch der Frau im 21. Jahrhundert und warum Männer dabei nicht(s) verlieren" heißt das Buch, das sie zusammen mit ihrem Vater, dem heute 84 Jahre alten Human Pourkian, geschrieben hat. Die Veröffentlichung wurde ein großer Erfolg. Seither tourt die Autorin durch die ganze Welt, um Vorträge zu halten. Politikerinnen laden sie ein. Ganz egal, ob rechts, links, grün oder liberal. Frauennetzwerke wollen sie für Podiumsdiskussionen gewinnen, bei Organisationen wie der Konrad-Adenauer-Stiftung referiert sie über "Machtstrategien".

Mit der Macht ist das so eine Sache. An Herrschaft, Unterdrückung, Gewalt und Zwang mag man denken, an einsame Menschen. Hourvash Pourkian definiert Macht anders: als "Übernahme von Verantwortung". Und genau damit, so ihr Credo, könnten Frauen besser umgehen als Männer.Da sitzt die Managerin am Schreibtisch ihres Niendorfer Textilunternehmens Shamo, was übersetzt so viel bedeutet wie "Engelchen" und nebenbei schon seit vielen Jahren der Kosename von Hourvash Pourkian ist. Sie saugt an einer Zigarre, bläst den Rauch in Wolken hinaus und erklärt, warum Frauen häufig "einfach besser" mit der Macht umgehen: "Weil aus der Bereitschaft der Verantwortungsübernahme Fürsorge entsteht, und diese Fürsorge dient der ganzen Gesellschaft und unterstützt friedliches und konstruktives Miteinander." Frauen sollten eigene Stärken erkennen, konsequent weiblich denken und die natürlichen Führungsqualitäten anwenden, die Mütter auszeichnen.

Warum die Luft in den Führungsetagen für Frauen dennoch immer noch dünn ist? Mangelndes Selbstvertrauen, meint die Frau, die sich selbst gern als "konstruktive Feministin" bezeichnet. Und nicht zuletzt fehle es vielen Frauen an Solidarität. Die Männer seien es, die den Frauen seit Jahrhunderten den Gedanken in die Köpfe pflanzten, sie müssten Konkurrentinnen im Kampf um die Gunst der Männer sein. Deshalb sei es auch so wichtig, dass sich Frauen in Netzwerken zusammenschließen.Gerade erst sei sie aus den USA zurückgekehrt, dort habe sie auf Wunsch von Senatorin Krista Sager in San Francisco das Frauennetzwerk "Grace" besucht. Begeistert springt Hourvash Pourkian nun vom Stuhl auf und spaziert in ihren Pumps durchs Büro. "2000 Frauen aus den Neuen Medien, aber auch Ingenieurinnen, Ärztinnen und Managerinnen haben sich zusammengeschlossen, sie tauschen sich aus, helfen und bringen einander immer weiter nach oben auf der Karriereleiter." Ein phantastisches Netzwerk, schwärmt die zierliche Frau und verwandelt sich in 158 Zentimeter pure Entschlossenheit: "Ich werde 'Grace' in Hamburg gründen"

Hamburg - ihre Heimat, seit sie im Alter von 16 Jahren mit dem Vater und den drei Brüdern aus Teheran floh, aus politischen Gründen. Nach Eppendorf verschlug es die Familie damals. Da war Hourvash Pourkian zum ersten mal außerhalb des Irans. Sie erinnert sich genau: "Ich kam aus der Großstadt. Damals zählte Teheran sieben Millionen Einwohner. Ich lebte in der High Society, wie man wohl sagt. Wir hatten Freunde aus England, den Staaten oder Frankreich. Hamburg kam mir damals wahnsinnig provinziell vor." Aber das sei nur ihr "allererster Eindruck" gewesen: "Ich begann schnell, die Stadt zu lieben." In nur sechs Monaten lernte sie auf einer Privatschule die deutsche Sprache, "eine wahnsinnige Quälerei". Doch schon damals war ihr klar, dass sie einmal ihr eigener Herr, nein ihre eigene Chefin sein würde. "Ich wusste einfach, dass ich Entscheidungen treffen, dass ich führen und dabei im Team arbeiten will."

Dem Abitur auf dem Albert-Schweitzer-Gymnasium folgten eine Ausbildung im Außenhandel, ein BWL-Studium und Managementkurse in London und Boston. Nach dreijähriger Mitarbeit bei einem Hamburger Textilunternehmen beschloss Hourvash Pourkian 1988, sich selbstständig zu machen. Heute setzt ihr florierendes Unternehmen rund zwei Millionen Mark im Jahr um. Traurig berichtet sie dann von einer Reise nach Teheran. Von ihrer Rückkehr in die Stadt, in der sie geboren wurde. "Ich war entsetzt", sagt die Managerin. "Die Frauen dort haben einen gewaltigen Rückschritt erlebt." Die Feministin ist dennoch zuversichtlich: "Die Entwicklung wird sich auch dort nicht mehr aufhalten lassen."Wie Hourvash Pourkian die Zukunft sieht? "Weiblich", sagt sie und zieht mit einem Lächeln die rechte Augenbraue nach oben. In spätestens 200 Jahren werde auf der ganzen Welt ein "Gleichgewicht in der Machtverteilung" erreicht sein.Vielleicht hat ihr ja auch Altbundeskanzler Helmut Kohl Mut gemacht. Auf der Frankfurter Buchmesse sagte er zu ihr: "Glauben Sie mir: Macht macht Männer müde."

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