AID | Ausländer in Deutschland | Ausgabe 1/2000 | Marie-Luise Gries, isoplan Unternehmensgründer

Erfolgsstories: Ich war nie ein ruhiges Mädchen


Das sie einmal ihre eigene Chefin sein würde, das war ihr spätestens mit 16 sonnenklar, sagt sie heute, und aus ihrem Mund klingt es ganz selbstverständlich. Das habe sie damals so entschieden. "Wir wurden schon früh ermutigt, Risiken einzugehen, Ideen zu verfolgen, eine eigene Lebensplanung aufzustellen," und auf Nachfrage fügt die gebürtige Teheranerin hinzu: "Klar, ich genauso selbstverständlich wie meine Brüder." Es war vor allem der Vater, der Hourvash Pourkian Stärke und Mut gab. Zudem hat auch das ganze familiäre Umfeld ihre Entscheidung begünstigt: Sowohl in der Familie des Vaters wie der der Mutter war selbständiges Unternehmertum Tradition.

Hourvash Pourkian ist vor 26 Jahren ihrem Vater gefolgt, der aus politischen Gründen den Iran verlassen musste. Seitdem lebt sie in Hamburg, meistens jedenfalls, denn nach dem Studium besuchte die diplomierte Betriebswirtin noch diverse Seminare und Managementkurse in England und den USA. Es folgten drei Jahre in leitender Position bei einem renommierten Textilunternehmen, und dann fand Hourvash Pourkian sich qualifiziert und berufserfahren genug, um ihr eigenes Unternehmen zu gründen. 1988 begann die Textilienproduktion für Pourkians eigenes Markenlabel Shamo in Brasilien. Dafür hatte sie auch schon ihre eigene Marktnische ausfindig gemacht: Ökologisch produzierte Waren, die an einige wenige Versandhäuser, aber vor allem auch an Modegeschäfte in Kleinstädten und Dörfern geliefert werden. Diese Kunden legen Wert darauf, auch kleinere Stückzahlen immer wieder nachbestellen zu können, ein Service, den in Deutschland nicht viele Konkurrenten bieten. Pourkians Unternehmen expandiert: Heute lässt sie zusätzlich in Südafrika, Hongkong, der Türkei und Portugal produzieren; zehn Angestellte hat sie in Deutschland.

Der Weg zum Erfolg, sagt die Unternehmerin, führt nicht zuletzt über das Risiko: "Wer nichts wagt, verschenkt doch von vornherein die Chance zu gewinnen!" Hat sie denn nicht auch manchmal Angst gehabt? Diese Frage, so Hourvash Pourkian, werde ihr oft gestellt, übrigens vor allem von Frauen. Mit Nachdruck antwortet sie: "Angst ist nichts anderes als ein Informationsdefizit. Das beste Rezept gegen Angst heißt, sich besser zu informieren." Der Lohn der Mühe heißt immerhin Erfolg, und den definiert Pourkian lustvoll: "Erfolg heißt für mich, jeden Tag etwas Positives zu erleben, und zwar möglichst in jedem der Projekte, an denen ich arbeite. Erfolg haben heißt, sich wohl zu fühlen, und das gibt die Energie, weiterzumachen."
Vor ein paar Jahren, als sie mit dem Aufbau ihres Unternehmens gerade stark beansprucht war, entstand in der Diskussion mit ihrem damals knapp 80 jährigen Vater noch einmal ein Impuls auf ihre Karriere. Human Pourkian hatte begonnen, ein Buch über die Stärke der Frauen zu schreiben, um Frauen ebenso wie Männer zu einer neuen Denkweise anzuregen. Tochter Hourvash wurde Co-Autorin und ist seither auch als Expertin bei Tagungen oder als Gast in Talkshows gefragt.
Die Texte des Vaters erscheinen eher essayistisch, die Tochter ergänzt mit einer kurzgefassten Zusammenstellung von Fakten, Forschungsergebnissen und konkreten Tipps, die dem Selbstbewusstsein von Frauen dienlich sein können. - War denn wirklich noch ein weiteres Buch auf dem Markt der Emanzipationsliteratur nötig? "Für Frauen wie mich nicht, und für Sie wohl auch nicht," sagt sie entschieden, "aber Sie können sich vielleicht nicht vorstellen, welche Frauenklischees von Männern, auch von gebildeten heute immer noch vertreten werden. Und übrigens sogar von manchen Frauen selbst, wenn sie Angst haben! Zum Beispiel, Frauen wären nicht belastbar, Frauen wollten keinen beruflichen Erfolg und ähnlicher Unsinn. Ich hoffe, dass manche vielleicht doch nachdenklich reagieren, wenn mein Vater dagegen anschreibt - ein Mann, immerhin über 80, und dann mag man vielleicht noch hinzufügen: aus 'einer solchen Kultur', 'sogar als Iraner' sozusagen." Es ist allerdings Tochter Hourvash, die zu Vorträgen, Tagungen oder Talkshows eingeladen wird, nicht der Vater. Und die Erfahrung, dort immer wieder angesprochen zu werden von Frauen, die mehr Angst und Selbstzweifeln haben als sie selbst, das Erlebnis auch, wie Frauen einander gegenseitig konkret unterstützen können, hat Hourvash Pourkian darin bestärkt, ein eigenes Neztwerk für ausländische Unternehmerinnen zu begründen.
Hourvash Pourkian hat positive Resonanz darauf erfahren, dass sie Migrantin ist: Andere Unternehmer sprechen sie auf ihre multikulturelle Kompetenz und insbesondere auf ihre Kenntnis der mehrerer Ökonomien, Absatzmärkte, Produktionsmöglichkeiten an und zeigen sich interessiert an Zusammenarbeit. Kunden fragen bisweilen nach der Herkunft ihres Namens und merken schließlich an, so ein ungewöhnlicher Name präge sich besser ein als ein Deutscher. Pourkians Gesamteinschätzung: Migrantin zu sein hat für sie ganz überwiegend positive Nebeneffekte.
Wenn Pourkian selbst auch durch den Vater besonders ermutigt wurde, so findet Sie doch: Frauen sollten einander gegenseitig unterstützen. Zusammen mit einer weiteren Textilunternehmerin plant Hourvash Pourkian den Aufbau eines Netzwerks "Migrantinnen als Unternehmerinnen". (Kontakt: Tel.: 040-37 83 83, werktags ab 18 Uhr)