Rezension des Buches "Das Ideal und die Macht" – Antje Radcke
von Hourvash Pourkian, Hamburg, 18.04.2001
"Grüne Männer müssten doch eigentlich anders denken ..."Bereits nach relativ kurzer Aktivität in einem hohen politischen Amt zieht Antje Radcke mit ihrem jüngst erschienenen Buch "Das Ideal und die Macht" über ihre persönlichen und politischen Erfahrungen der bestehenden männlich dominierten Machtstrukturen mit Recht sehr mutig Bilanz. Durch ihren unkomplizierten Schreibstil und ihre plastische Darstellung lässt sie die Leser hinter die Kulissen der aktuellen Politik schauen. Ihre Arbeit dient der Wahrheitsfindung und der Meinungsbildung - endlich einmal aus der Sicht einer Frau, die Macht in einer Partei hat. 'Denn es ist ja nicht so, dass beim Spiel der Mächtigen alle unbegrenzt mitspielen dürfen - nur wer die Spielregeln perfekt beherrscht, darf dazugehören.' Antje Radcke schreibt mit einer bemerkens- und nachahmenswerten Offenheit, die zum Nachdenken und somit zu einem anderen Politikverständnis unter Frauen und Männern anregen kann.

Nach Ansicht der Autorin laufen die machtpolitischen Spielregeln jedem politischen Idealismus engagierter Frauen und Männer, die in die Politik vordringen, um sich für die Gemeinschaft oder bestimmte Ziele einzusetzen, zuwider. Doch um im politischen und medialen Tagesgeschehen Akzente zu setzen bzw. zumindest im Gespräch zu bleiben, bedarf es nach Ansicht der grünen Politikerin Antje Radtke dennoch einer durchdachten Strategie: 'Versuche mit allen Mitteln, dir den letzten Redebeitrag einer Talkshow zu erzwingen - so bleibst du dem Fernsehpublikum am längsten im Gedächtnis. Rede nur noch mit den wichtigsten Journalisten, alles andere ist unter deiner Würde.'
Dies sind hinlänglich bekannte Tatsachen, die beinahe in jeder politischen Biographie in ähnlicher Weise nachzulesen sind. Das Überraschende ist, dass auch die Grünen - eine Partei, die sich bei der Realisierung ihrer idealistischen Ziele die Beachtung basisdemokratischer Prinzipien auf ihre Fahne geschrieben hat - anscheinend nicht umhin kamen und kommen, sich den gegebenen hierarchischen Strukturen in der Politik anpassen zu müssen.

Antje Radcke beschreibt sehr deutlich, dass auch in der bewußt frauenfördernden Partei Bündnis 90/Die Grünen die Posten bereits unter den klüngelnden männlichen Führungspersonen verteilt werden, ohne dass die potentiellen Führungsfrauen der Partei überhaupt informiert oder gefragt werden. Sei es nun Joschka Fischer, Jürgen Trittin, Fritz Kuhn oder Rezzo Schlauch, die sich häufig klüngelnd beim Kanzler einfanden und u. a. auch Posten verhandelten, Frau Radcke zögert nicht, Dinge und Personen beim Namen zu nennen. Und auch Gerhard Schröder kommt nicht ungeschoren davon. Antje Radcke erinnert sich neben diversen Respektlosigkeiten des Kanzlers an eine in ihren Augen peinliche Begebenheit im Anschluß an eine rot-grüne Koalitionsrunde: Der Kanzler wollte unter das Volk, indem er mit einer Reihe von Abgeordneten ein Glas Bier in einer Kneipe trinken ging. Als sich das Aufsehen um seine Person gelegt hatte, scheuchte der Kanzler alle umstehenden und nicht dazugehörigen Personen mit der Begründung "auch einmal privat sein zu wollen" vom "Kanzlertisch". Schröder übersah dabei, dass zwei Journalisten lange vor ihm da waren. Er hatte sich aufgedrängt und nicht umgekehrt. Antje Radcke beschämt es, dass es Schröder "nicht wirklich darum ging, volksnah zu sein, sondern lediglich darum, Volksnähe zu demonstrieren - und dabei störte dann das "gemeine Volk." "Eine ungestörte Unterhaltung hätten wir im Kanzleramt haben können, da, wo wir gerade herkamen."

Die Autorin beschönigt auch nicht ihre Erfahrungen bezüglich der Macht und der Solidarität unter Geschlechtsgenossinnen, die sie in der Partei erfahren hat. In der Darstellung ihrer Kollegin Gunda Röstel betont sie das typisch weibliche Verhalten in machtpolitischen Strukturen: Frauen nutzen ihre Macht häufig nicht, sondern wünschen sich aus mangelndem Selbstvertrauen einen starken männlichen Partner an die Seite: so wie Gunda Röstel scheinbar in Gerhard Schröder einen starken politischen Partner suchte, der sie sich dann leider indirekt über Joschka Fischer versuchte, vom Hals zu halten.

Ob mit oder ohne starken Partner: Frau Radcke weiß aus eigener Erfahrung als alleinerziehende zweifache Mutter, dass sich Frauen, die Kinder haben und sich trotzdem beruflich und/oder gesellschaftlich/politisch engagieren, immer noch der Stigmatisierung aussetzen, dass sie sich nicht ausreichend um die Kinder kümmern, während dem berufstätigen Vater niemand einen Vorwurf daraus macht. Im Gegenteil: auch grüne Politiker wie Joschka Fischer kokettieren mit dem "schlechten Vater". Bemerkenswert für die Grünen ist jedoch, dass diese selbstverständlicherweise der zunächst ehrenamtlich tätigen Mutter das Kinderbetreuungsgeld für den Babysitter nach geleisteter Parteiarbeit gleich mit auf den Weg gab, während dies die SPD als unnötig ablehnte, was Antje Radcke u. a. ganz pragmatisch zum Parteiwechsel bewog.

Der Macht und ihrer unterschiedlichen Definitionen widmet sich die Autorin in einem Großteil ihres Buches: "Männer und Frauen haben oft ein völlig unterschiedliches Verständnis von der Macht - sowohl von der Art und Weise, Macht zu ergreifen und auszuüben, als auch von den Vorstellungen, wozu die vorhandene Macht eingesetzt werden soll... Vielen Frauen ist der Wille nach Macht suspekt - Macht ist unappetitlich, Macht ist irgendwie männlich und deshalb haben wir dagegen zu sein. Selbst die Frauen, die es in eindeutig "mächtige" Positionen geschafft haben, scheuen sich das Machthaben für sich in Anspruch zu nehmen. Ein Beispiel: Krista Sager weigerte sich, ein Veranstaltungsplakat zu akzeptieren, auf dem sie mit dem Begriff "Macht" in Verbindung gebracht wurde. Dass dies keineswegs auf grüne Frauen beschränkt ist, zeigt ein anderes Beispiel: Auf einer Podiumsdiskussion ... im Oktober 2000 in Leipzig war ausser meiner Person u. a. auch Renate Schmidt, Ex- Landesvorstitzende der SPD in Bayern zum Thema "Frauen und Macht" eingeladen. Auf die Frage, ob sie denn Macht gehabt und wofür sie diese eingesetzt habe, antwortete sie: "Ich hatte nie Macht!" - und dass, obwohl ihr ganzes Auftreten und ihre anschliessenden Erzählungen über ihre Erfahrungen in der Politik keinen Zweifel aufkommen ließen: Hier sitzt eine machtvolle Frau!"

Antje Radcke empfindet es als merkwürdig, "dass Frauen das Macht-Problem überwiegend als ihr eigenes und nicht als eines der Männer beziehungsweise der Gesellschaft wahrnehmen." Angefangen bei der auf Äusserlichkeiten reduzierten Wahrnehmung von Frauen durch Männer: bei einer Sitzung wurde Frau Radcke von einer Parteikollegin darauf hingewiesen, dass sie mit kurzem Rock und hohen Schuhen "völlig fehlgekleidet" sei und die Blicke der Männer damit auf ihre Beine und nicht auf ihren Kopf – und somit auf Vortragsinhalte – gelenkt würde und dies ihrer politischen Karriere abträglich sei. Auch bei grünen Frauen und Männern scheint die Hauptaufmerksamkeit nicht immer bei den Argumenten zu sein.

Antje Radcke konnte sich gegen die Männerbünde und Kaminzimmerpolitik der Männer innerhalb ihrer Partei und den männlichen Koalitionspartnern nicht durchsetzen. Gleichzeitig ist sie überzeugt davon, dass ein Großteil der Bevölkerung Sehnsucht nach glaubwürdigen und ehrlichen Politikerinnen und Politikern hat. Frau Radcke hält Angela Merkel in dieser Hinsicht für ein sehr gutes Beispiel, denn ihr großer Erfolg bei der Wahl der Parteivorsitzenden läßt sich nicht anders erklären. "Männermacht kann verheerende Auswirkungen haben und es wird Zeit, dass alle Frauen diese Machtstrukturen durchschauen und ihre ganz eigene Frauenmacht dagegensetzen." Es ist Antje Radckes Ziel, mehr Frauen in die Politik zu bringen, um so Einfluß auf das Machtbild in der Politik zu nehmen. Dazu gehört für Antje Radcke auch, dass der Begriff "Frauenförderung" in "Gesellschaftsförderung" oder viel treffender in den bereits existenten Begriff "Geschlechterdemokratie" verändert wird.

Dass Antje Radcke sich entschlossen hat, ihre Gedanken und Erfahrungen frühzeitig zu veröffentlichen, gibt vielen Frauen und Männern Gelegenheit, sich jetzt der machtpolitischen Prozedere bewußt zu werden und die Möglichkeit, andere Handlungsstrategien zu entwickeln. Antje Radcke kann mit ihren offenen Bekenntnissen/ehrlichen Meinungen der Politikverdrossenheit insbesondere von Frauen entgegenwirken oder sie zumindest anregen, sich in gesellschaftspolitischer Weise stärker zu engagieren.

"So lange aber überwiegend Männer an den Schalthebeln der Realisierung sitzen, werden die Schritte zaghaft bleiben. Dagegen hilft nur geballte Frauenpower!"