Auszüge aus der Rede von Hourvash Pourkian | 30. Mai 2001

Mehr Frauen in Führungspositionen – mehr Frauen an die Macht!

I. Situationsbeschreibung
"Der Wandel innerhalb der Gesellschaft ist beim Thema Frauenförderung der zentrale Ansatz. Die Industriegesellschaft befindet sich im Übergang zur Wissensgesellschaft: Intellekt statt Muskelkraft ist gefragt!

Warum sollten Männer Frauenförderung unterstützen? Ganz einfach: Aus der Erkenntnis heraus, dass Frauen ein enormes Qualifikationspotential mitbringen, und darauf kann unsere rohstoffarme Gesellschaft nicht mehr verzichten. Dies ist eine Riesenchance für Frauen, aber auch für Männer. Die Anhänger der alten Gesellschaftsformen mit ihren klassischen Rollenbildern gehören der Vergangenheit an. Doch weiterhin existierende unzeitgemäße Vorstellungen in den Köpfen vieler Männer und Frauen lassen sich nur langsam verändern. Die Potentiale zahlreicher Frauen liegen aufgrund dieser Tatsache lange brach oder werden sogar immer noch bewusst abgelehnt oder behindert. (...)

Chancengleichheit ist in allen Bereichen notwendig, damit Frauen ihren vollen Beitrag zur Lösung der vielfältigen gesellschaftlichen Probleme leisten können. Es geht nicht nur um die Geschlechterfrage, sondern ganz besonders um die Nachkommen unserer Gesellschaft. Ohne flexible Arbeits- und Lebensplanung, die es den Frauen ermöglicht, Beruf und Familie zu vereinbaren, sind Frauen nicht mehr bereit, Kinder zu bekommen. (...)

II. Hindernisse, die den Aufstieg für Frauen erschweren:
"Der weit größere Teil der Verantwortung für die Kindererziehung fällt in die Hände der Frauen, weil die Strukturen der Kinderbetreuung weiterhin so rückständig und unflexibel gehalten werden. Lediglich 2 % der Väter beteiligen sich an der Erziehungsarbeit der Kinder.

Frauen erhalten durchschnittlich 28 % weniger Lohn und in Führungspositionen etwa 10 % weniger Gehalt als Männer. Konnte schlechtere Bezahlung früher mit der geringeren Qualifizierung der Frauen begründet werden, so zählt dieses Argument heute nicht mehr. (...)

Eine weitere Aufstiegsbarriere sind die veralteten Rollenklischees und verkrustete Strukturen. (...) Untersuchungen haben ergeben, dass die Geschlechtertrennung bereits im Sandkasten beginnt und sich das Verhaltensmuster von Frauen und Männern im Erwachsenenalter fortsetzt. Bisher hat es jedoch den Anschein, als ob die Männer, von denen der weit überdurchschnittliche Teil in den Chefetagen sitzt, ihren Sandkasten frei von ambitionierten weiblichen Mitspielerinnen halten möchte. Dazu gehören auch heimliche Männerquoten, die verhindern, dass Frauen in signifikanter Weise in Führungspositionen aufsteigen. Unternehmer sollten die naturgemäßen Potentiale der Frauen erkennen, anstatt Männer in teure Managementkurse zu schicken."

III. 10-Punkte-Programm, um mehr Frauen in Führungspositionen zu bringen:
1) Bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf:
"Wir benötigen elternfreundliche Arbeitszeiten und Strukturen für Frauen und Männer. Ansätze dafür bieten bereits einige große Betriebe wie z. B. die Lufthansa seit 1997 an. Der Konzern ermöglicht sehr flexible Teilzeitarbeitsmodelle der Erziehungsarbeit für Frauen und Männer im Management.

Es müssen bessere Rahmenbedingungen geschaffen und mehr Väter motiviert werden, Erziehungsarbeit zu übernehmen. Für die Unternehmen wird die Chancengleichheit und die Familienfreundlichkeit eine neue Unternehmenskultur bilden: Und dies ist einer der wichtigsten Wettbewerbsfaktoren der Zukunft."

2) Verbesserung der Familienförderung
"Ein Ansatz in der Familienförderung ist ein ausreichendes Angebot an Kinderkrippen, Kindergärten und Ganztagsschulen mit arbeitnehmerfreundlichen Öffnungszeiten und in den jeweiligen Wohnbezirken der Eltern. In Hamburg ist die Versorgung mit Kinderkrippen nur zu 17 % gewährleistet, nur 3 % aller Schülerinnen und Schüler steht ein Ganztagsschulangebot zur Verfügung.

Der Staat muss ermöglichen, die Kosten für Kinderbetreuung steuerlich abzusetzen oder kostenlose Betreuung anbieten. Frankreich, Holland oder Schweden sind in der Kinderbetreuung weit voraus. Dort ist sie zu fast 100 % flächendeckend ab dem 1. Lebensmonat staatlich organisiert."

3) Männerförderung in der Familie
"Männer und Väter, die sich aktiv für die Veränderung der Familien- und Gesellschaftsstrukturen einsetzen, laufen Gefahr, von anderen Männern aber auch zum Teil noch von Frauen ausgegrenzt zu werden. Die Förderung der Jungen und der Männer ist ebenso ein wesentlicher Bereich der Gesellschaftsförderung, denn an der Situation der Frauen können wir nur dann etwas nachhaltig verändern, wenn Männer neue Strukturen akzeptieren und letztendlich mittragen. Die alten Gesellschaftsstrukturen haben oft zum männlichen "burn-out-Syndrom" geführt. Daher müssen auch Frauen daran arbeiten, Männern eine neue Mischung aus Familien- und Berufsleben zu ermöglichen. Schließlich geht es nicht nur darum, dass es den Frauen besser geht, sondern auch den Männern! Die bisherige Frauenpolitik sollte daher durch eine konsequente Männerpolitik ergänzt werden."

4) Karriereplanung für Studentinnen und junge Frauen
"Frauen sollten daher frühzeitig anfangen, ihre Karriere zu planen, entschlossener und zielgerichteter ihre Studienwahl treffen und mutiger Führungspositionen anstreben. Ziel ist eine frühzeitige Motivation des selbstständigen und unternehmerischen Denkens und Handelns in Schule und Universität. Das Beratungsangebot der Universitäten und der Arbeitsämter – "Mentoring vom Abitur in den Job" – sollte daher im Hinblick auf Aufstiegsorientierung und Karriereplanung für Frauen ausgeweitet werden."

5) Mentorinnenprogramme in der Wirtschaft
"Die Wirtschaft ist nach wie vor insbesondere in den Führungspositionen männerdominiert. Mentorinnenprogramme können jungen Frauen nach dem Berufseinstieg bei der Karriereplanung helfen. Es haben sich Mentorinnenprogramme nach amerikanischem Vorbild für Frauen in mittleren Führungspositionen bei der Deutschen Telekom, Daimler Chrysler und der Deutschen Bank bewährt. Auch Männer müssen in diese Programme einbezogen werden, um sie für die bestehenden Probleme zu sensibilisieren."

6) Ausbau bestehender Frauennetzwerke und "aktives Networking"
"Frauen müssen sich gegenseitig austauschen und unterstützen im Hinblick auf das "Erklimmen der Karriereleiter"! Aktives Networking ist gefragt, um besser mit Männern um berufliche Führungs-Positionen konkurrieren zu können."

7) Fördermaßnahmen für Existenzgründungen
"Eine Existenzgründung ist für Frauen derzeit einer der besten Wege, beruflich in eine gute Position zu kommen.

Eine herausragende Möglichkeit für Frauen, sich jetzt selbstständig zu machen, ist die unzureichend geregelte Nachfolge von derzeit 300.000 mittelständischen Unternehmen: Frauen sollten durch staatliche Initiativen – z. B. Steuerentlastungsmodelle – und private Initiativen – wie Privatinvestoren – gewonnen werden, einen Betrieb zu übernehmen."

8) Förderpreise und Stipendien
"Auf Bundesebene werden bereits "familienfreundliche Betriebe" und "erfolgreiche Unternehmerinnen" durch Förderpreise ausgezeichnet. Dies sollte auch in Hamburg durch Privatinvestoren und Staat vermehrt praktiziert werden, um in der Öffentlichkeit solche Vorbilder herauszuheben."

9) Bevorzugte Vergabe von Professorenstellen an Frauen
"Die Zahl der Frauen in wissenschaftlichen Spitzenpositionen muss verbessert werden. Der Frauenanteil an der Universität Hamburg unter den C4 Professorinnen liegt bei 11,4 %, an der HWP gibt es eine, an der TU Hamburg und der Hochschule für bildende Künstler überhaupt keine C4 Professorin. In dem bevorstehenden Generationswechsel bei den Hochschullehrern liegt eine große Chance, eine Gleichstellung von Mann und Frau zu erreichen. Daher plädiere ich dafür, die bevorzugte Einstellung von Professorinnen bei gleicher Qualifikation stärker durchzusetzen, denn diese wird durch hartnäckige Männerbünde immer noch behindert."

10) Bevorzugung frauenfreundlicher Unternehmen bei der öffentlichen Auftragsvergabe
"Unternehmen in der Privatwirtschaft, die Frauen besonders fördern, sollten meines Erachtens bei der öffentlichen Auftragsvergabe stärker bevorzugt werden. Die in Hamburg seit Oktober 1998 bestehende verwaltungsinterne Richtlinie muss – wie auf Bundesebene angestrebt – Gesetzesqualität bekommen, damit ein Anreiz für Firmen besteht, familienfreundlichere Arbeitsbedingungen für Frauen zu schaffen und um mehr Transparenz bei der Auftragsvergabe nach dem Kriterium der Frauenförderung zu bekommen."
IV. Mehr Frauen in die Politik
"Die wichtigsten Hindernisse für Frauen, in die Politik zu gehen, sind u. a. ein anderes Machtverständnis und ein anderes Politikverständnis der Frauen." Drei Ansatzpunkte, um Frauen zu bewegen, sich stärker in der Politik zu engagieren:
1. Macht und Politikausübung positiv darstellen und entmystifizieren
2. Quotenregelung
3. Mentoring-Programme."

V. Ausblick
"Eine neue Lösung der Frage der Geschlechtergerechtigkeit liefert der Begriff des "Gender-Mainstreaming". (...) Ein Beispiel für Gender-Mainstreaming ist der Abbau geschlechtsspezifischer Unterschiede am Arbeitsmarkt.
Der Fortschritt der Geschlechterdemokratie wird sich dann zeigen, wenn wir eine Bundeskanzlerin haben und die Hälfte der Vorstände Frauen sind.
Nicht Männer gegen Frauen oder Frauen gegen Männer – sondern gemeinsam zum Erfolg!"

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